Mahesh Motiramani
Seither fließt mir Tinte aus allen zehn Fingern

Nachts im Park


Ben war ein Träumer. Sich der Musik hingeben, die in ihm erklang, sich wegträumen.
Wohin hatte er sich nur geträumt? Er war wegtrompetet worden, in hohem Schwung, aus seinem Haus hinaus.
Als er wieder Boden unter den Füßen spürte, merkte er, dass er fror. Er war nur mit einem Pyjama bekleidet. Die Arme schützend um die Schultern gelegt, blickte er unschlüssig herum und überlegte, wo er sich befinden könnte. Auf einer Lichtung irgendwo in einem Park oder Wald. Pfeifender Wind, rauschende Bäume, Büsche und Wiesen, von Mond und Sternen in dünnes kaltes Licht getaucht. Zwei Sterne funkelten besonders, einer bläulich, der andere in wechselnden Farben. Ben hatte das Gefühl, als beobachteten sie ihn. Welche Richtung sollte er einschlagen? Aufs Geratewohl ging er einen breiten Sandweg entlang. Nach einer Weile hörte er in der Ferne leises Rauschen. Ein Bach? Weiter vorn war ein Schild an einer Holzbrücke zu sehen. »Baden verboten!«, las er. Er seufzte. Wenigstens wusste er, dass er in Deutschland war. Er überquerte den Bach.
Musik drang an sein Ohr. Er blieb stehen und lauschte. Flötenmusik, aus der Ferne, ganz leise. Eine Querflöte. Die Töne kamen von rechts. Wer spielte denn mitten in der Nacht Flöte? Er beschloss, in die Richtung zu gehen, aus der die Töne kamen. Dort mussten Menschen sein, die ihm weiterhelfen konnten. Es war eine schöne Musik, keine Klassik, kein Barock, irgendetwas Urtümliches, Kosmisches.
Sein Weg führte ihn an den Büschen vorbei, auf einem engen ausgetretenen Pfad den Bach entlang. Hin und wieder berührten ihn Zweige im Gesicht, oder er stolperte über eine Baumwurzel, aber das hielt ihn nicht davon ab, die Quelle der Musik aufzusuchen. Der Bach machte eine Schleife, sodass eine kleine Landzunge entstand, und an der Spitze dieser Landzunge saß jemand im Gras; jemand, auf dessen kahlem Kopf das Mondlicht schimmerte. Der war es also, der die Musik machte. Mit einem hellen Gewand bekleidet, saß er im Schneidersitz auf einer Decke und spielte; bei jeder Bewegung glitzerte seine silberne Querflöte auf. Ben stellte sich so vor dem Musiker auf, dass er bemerkt werden musste. Er fror immer noch. Da er keine Reaktion feststellen konnte, setzte er sich auf die Decke und umschlang seine angewinkelten Beine mit den Armen. Wie kam es, dass der Musiker, ebenfalls nur dünn bekleidet, bei dieser Kälte spielte ohne zu frieren? Auch ließ er sich von Bens plötzlichem Erscheinen nicht irritieren und setzte sein Spiel fort. Er schien ganz in der Musik versunken. Ben, der sein Profil betrachtete, erkannte, dass es ein Schwarzer war: platte Nase, dicke Lippen, kräftiger Unterkiefer. Er spielte wunderbar.
Einen Moment lang vergaß Ben seine Sorge, wie er nach Hause gelangen sollte. Als das Stück zu Ende war, legte der Musiker die Flöte auf seinen Schoß und wandte sich Ben zu. Dieser klatschte leise Beifall: »Sehr schön.«
»Frierst du?«, fragte der Kahlköpfige mit einer Stimme, die zwar tief war, aber nicht von einem Mann stammen konnte. Ben stellte verblüfft fest, dass er eine Frau vor sich hatte, eine Frau mit Glatze.
»Ja, es ist kalt«, sagte er und rieb sich die Hände.
»Dann sollst du mein Sahara-Stück hören.« Sie begann, lang gedehnte Töne zu spielen, die nach Weite, Leere, Hitze und Sanddünen klangen.
Ben wurde mit jedem Ton wärmer und wärmer, er streckte seine Beine aus und stützte sich nach hinten mit den Armen ab; am Ende begann er sogar zu schwitzen und glaubte, der Boden unter ihm sei so heiß geworden, dass er sich verbrennen könnte.
»Es ist sehr heiß ... zu heiß«, sagte er.
Die Musikerin beendete ihr Stück. »Gleich wird’s besser. Ich hatte mich im Spiel verloren.«
»Schon gut.« Ben merkte, wie es wieder kühler wurde.
»Warum bist du hier?«
»Jemand hat mich aus meinem Haus hinaustrompetet.«
Neugierig schaute er sie an, um zu beobachten, wie sie auf das seltsame Verb reagieren würde. Doch sie zeigte sich nicht im Geringsten verwundert.
»Hinaustrompetet! – Weißt du, was das heißt?«, fragte er.
»Na klar, so wie man jemanden wegflöten kann, so kann man ihn auch wegtrompeten.«
»Unglaublich. Du kannst das mit deiner Flöte?«
»Ja, aber ich tu’s nicht ... Bist wohl ein kleiner Dummkopf.«
»Ich höre das zum ersten Mal, dass man jemand weg- oder hinausflöten kann.«
»Was soll ich spielen, damit dir warm wird?«
»Bach oder Händel.«
»Gut. Bach, der die Schwerkraft überwunden hat. Mit Bach lernst du fliegen.«
Sie spielte eine Flötensonate, und ehe Ben zu begreifen vermochte, was die Musikerin mit ihren Worten meinte, fühlte er sich von der Musik ergriffen und in einen anderen Zustand versetzt. Es war, als wüchsen ihm Flügel, als flöge er durch die Lüfte, über Wälder, Berge, Seen, durch Täler, unter Brücken, zwischen Häuser und Bäume hindurch – es war ein ewiges Auf und Ab, voller Freude, Lust und Bangen. Dann, als sie das Stück beendete, landete er sanft auf einer Wiese und öffnete die Augen. »Zauberhaft. Ich hatte das Gefühl, frei und glücklich zu sein. Und manchmal, wenn ich durch eine enge Schlucht flog oder über einen hohen Gipfel hinweg, hatte ich Angst, in die Tiefe zu fallen.«
Die Musikerin nickte. Sie schwiegen. Der Himmel auf der linken Seite war heller geworden.
Nach einer Weile sagte die Musikerin: »Der Mond verschwindet, die Sonne steigt auf, die Erde kommt hervor. Ich gehe, habe genug verdient in dieser Nacht. Leb wohl.«
Sie erhoben sich. Die Musikerin rollte ihre Decke zusammen und ging.
Ben wunderte sich. Genug verdient? Was hatte sie denn verdient? Außer ihm war doch niemand gekommen? Oder war Publikum hier, bevor er kam? Ben schüttelte den Kopf. War er ein Dummkopf oder sie eine Dummköpfin? Er musste unwillkürlich lächeln über dieses neue Wort »Köpfin«.
Da fiel ihm ein, dass er sein Anliegen gar nicht vorgebracht hatte. Schnell rief er ihr nach: »Wo bin ich hier eigentlich?«
»Im Englischen Garten.«
»Und wo geht’s nach München rein?«
»Da lang.« Und sie wies mit ihrer Flöte den Bach aufwärts, ohne sich umzudrehen.
Nun wusste Ben, dass er sich im nördlichen Teil des Englischen Gartens befinden musste, einem Teil, den er nicht kannte. Beruhigt machte er sich auf den Weg. Wie gut, dass er in München war, da konnte es kein großes Problem sein, den Heimweg zu finden. Er musste nur in die richtige Richtung gehen.


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