Mahesh Motiramani
Seither fließt mir Tinte aus allen zehn Fingern

Frühling


1
An einem Samstag im Mai trat Gottfried Zabel, der schwergewichtige Hausmeister der Wohnanlage in der Johann-Clanze-Straße, hinaus auf den Gehweg, der zur Garage führte. Wie immer, wenn er arbeitete, steckte er in einem Blaumann; von weitem sah er aus wie eine blaue Kugel auf Beinen. Er holte sich aus der Brusttasche einen Zigarillo und zündete ihn an. Den Rauch genüsslich ausstoßend, erblickte er mehrere Kinder, die alle in der Umgebung wohnten und auf dem Rasen der Grünanlage daherkamen. Drei Jungen und drei Mädchen. Vermutlich wollten sie zum Spielplatz, wo sie sich in der Freizeit oft aufhielten. Neugierig beobachtete er, wie die Jungen ihre Köpfe zusammensteckten; offenbar planten sie etwas. Die Mädchen gingen vor ihnen. Einer der Jungen rannte plötzlich los und küsste im Vorbeilaufen eines der Mädchen auf die Wange. Das Mädchen schrie erschrocken auf. »Du Blödmann«, rief sie ihm hinterher. Daraufhin gackerten die beiden anderen Mädchen los, alle drei setzten sich auf eine der Bänke am Wegrand.
Der Junge, der die Kuss-Attacke vollzogen hatte, wartete beim Magnolienbaum auf seine beiden Kameraden, sie klopften ihm auf die Schulter. Jetzt erkannte Herr Zabel den Jungen. Das war doch Martin, dieser Lausejunge aus dem Haus C, wo er mit seinen Eltern im dritten Stock genau über dem Eingang wohnt. Manchmal ließ er beim Blumengießen auf dem Balkon auch Wasser auf die Köpfe der Passanten tröpfeln.
Hausmeister Zabel sah prüfend zum Himmel hinauf. Einige dunkle Wolken, die, von Westen kommend, in der Frühe nach Regen ausgesehen hatten, waren verschwunden. Es schien ein herrlicher Frühlingstag zu werden. Er beschloss, nach Hause zu gehen, es war Zeit zum Mittagessen; danach begann für ihn das Wochenende.
Wenn seine Frau wieder Reis mit Gemüse und Tofu gekocht hätte, würde er sie ausschimpfen. Drei Tage lang hatte sie chinesisch und dazu noch vegetarisch gekocht, damit er ein paar Pfunde abnahm. Im Frühjahr soll man fasten, sagte sie. Aber warum chinesisch? Und warum Tofu? War er denn ein Asiate?

2
Leon schaute von der Terrasse hinunter und sah seinen Vater unten auf dem Gehweg stehen und einen Zigarillo rauchen. Er versuchte sich vorzustellen, wie der Papa es mit der Mama im Bett trieb, aber es gelang ihm nicht; Mama müsste doch erdrückt werden von Papas Bauch. Leon ging zurück in sein Zimmer und stellte sich vor den Spiegel. Nach eingehender Musterung seiner Gestalt befand er, dass er heute gut aussah. Sein frisch gewaschenes blondes Haar fiel wellig an den Seiten herab über die Ohren, seine blauen Augen leuchteten. Er ging in die Küche und rief seiner Mutter zu: »Hat Papa dir schon erzählt, dass ich heute mit ihm ins Bordell gehe?« Die Mutter, die gerade Reis mit Gemüse und Tofu kochte, schob sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und sagte: »Ja. Ich habe ihn darum gebeten. Lass dir vom Papa alles gut erklären, sonst blamierst du dich. Papa müsste jeden Moment kommen. Wir essen gleich. Ruf Thomas.«
Im Flur sah Leon erneut in den Spiegel. Er freute sich, war aber auch ein wenig nervös. Endlich würde er eine Frau berühren dürfen. Mama legte Wert darauf, dass ihre Söhne wussten, wie man mit einer Frau umgeht. Sein Bruder Thomas, in diesem Jahr elf geworden, müsste noch ein paar Jahre warten. Er öffnete die Tür von Thomas’ Zimmer.
Als er seinen Kopf in den Türspalt streckte, sah er seinen Bruder auf dem Bett sitzen. Thomas klatschte sich mit den Handflächen auf die Oberschenkel und lachte.
»Was ist los?«, fragte Leon.
Thomas deutete auf den Vogelkäfig, der am Fenster auf einem Holzgestell stand. »Weißt du, was Jacko gesagt hat?«
»Ein neues Wort?«
»Ja. Er hat gesagt ›Stoßdämpferteststrecke‹.« Thomas hielt seinem Vogel ein Stück Müsliriegel in den Käfig. »Drei Wochen lang habe ich es ihm vorgesagt.«
»Im Ernst? Ist ja toll.« Leon sah bewundernd auf Jacko, den Graupapagei seines Bruders. Welch kluges Tier. Konnte Sätze sprechen wie ›Ohne Moos nichts los‹, konnte Poplieder singen, pfeifen und vieles andere.
Der Vater kam zur Wohnungstür herein.
»Weißt du, wohin ich heute mit Papa gehe?«, sagte Leon schnell.
Thomas blickte auf. »Ins Bordell?«
»Ja. Woher weißt du das?«
»Mama meinte, es wird allmählich Zeit für dich«, sagte Thomas, kniff die Lippen zusammen und fügte hinzu: »Erzählst du mir danach alles?«
Leon schüttelte den Kopf. »Ich glaube, das wollen Mama und Papa nicht. Dazu bist du noch zu jung.«
Thomas stieß ein grimmiges Brummen aus.

3
Nachdem Mama das Gebet gesprochen hatte, sagte der Vater:
»Ich rieche es. Wieder Gemüse mit Tofu.«
»Ja, mein Lieber. Du musst allmählich schlanker werden.«
»Warum nicht etwas anderes?«
»Wenn ich Krautsuppe mache, jammerst du noch mehr.«
»Womit habe ich das verdient?«
»An deine Gesundheit denkst du wohl gar nicht mehr?«
Der Vater sagte nichts. Gleichgültig schob er sich mit der Gabel Gemüse in den Mund.
Die Mutter schüttelte den Kopf. »Und an mich sowieso nicht.«
Der Vater hielt inne und nickte. »Verstehe.«
»Papa, wann gehst du mit mir ins Bordell?«, fragte Thomas.
»Wenn du groß bist.«
Thomas zog eine beleidigte Grimasse. Er wollte auch erleben, was sein Bruder erleben durfte.
Leon nahm den ersten Bissen und dachte nach. »Papa, muss ich was mitnehmen?«
Der Vater schüttelte den Kopf und schob sich mit angewidertem Blick ein Stück Tofu in den Mund.
Die Mutter sagte: »Hauptsache, du bist gewaschen.«
Sie aßen schweigend.
Thomas hob den Kopf und strahlte: »Jacko hat heute ein neues Wort gesagt.« Vater und Mutter blickten zu ihm. »Stoßdämpferteststrecke«, sagte Thomas voller Stolz.
»Stoßdämpferteststrecke?« Der Vater lachte. »Der Papagei weiß, was im Bordell auf Leon zukommt.«
Während Leon grinste, schaute Thomas fragend zur Mutter. Die Mutter schüttelte missbilligend den Kopf.
»Es geht um eine ernste Sache, und du machst dich auch noch lustig darüber«, fuhr sie ihren Mann an.
Der Vater verdrehte die Augen und zwinkerte seinen Söhnen zu, als wollte er sagen: »Mann, die ist heute aber geladen. Passt nur auf.«
Sie aßen schweigend zu Ende.
»Schau her!«, sagte der Vater und hielt der Mutter den leeren Teller hin. »Alles aufgegessen.«
»Und draußen scheint die Sonne«, rief Thomas. Alle wandten ihre Köpfe zum Fenster, wo sich ein Stück blauer Himmel zeigte.
Die Mutter lächelte, der Vater ebenfalls. Wenn Mutter glücklich war, herrschte Friede im Haus.
Und so verwandelte sich ein Tag, der am Morgen nichts versprochen hatte, nach dem Essen in einen schönen Frühlingstag.


© 2012 Rosemie Motiramani Impressum