Mahesh Motiramani
Seither fließt mir Tinte aus allen zehn Fingern

Das Hausmädchen


Es war einmal ein Hausmädchen namens Karla, das hatte eine tiefe Stimme und nur ein Nasenloch, dafür aber ein großes. Im Übrigen sah es ziemlich belanglos aus. Immer wenn der Hausherr Alfons von der Arbeit zurückkehrte, haute Karla ihm mit der flachen Hand auf den Rücken und sagte: »Na Kumpel, wie war’s?«
Der Hausherr kniff sie in die Wange und reichte ihr den Mantel, den Regenschirm und das frische Obst, das er auf dem Markt gekauft hatte. »Geht dich nichts an, Miststück. Bring mir das Essen.«
Sie brachte ihm das Essen auf einem Tablett. Und wenn Alfons sich einen Latz umgehängt hatte, fütterte sie ihn.
Selber essen wollte Alfons nicht. Es schmeckte ihm nicht, wenn er selber aß. Von Montag bis Freitag gab es Spinat mit Nudeln, Alfons liebte Spinat über alles, vor allem mochte er die grüne Farbe; am Wochenende gab es Schweinsbraten mit Knödel und Krautsalat, zum Nachtisch jeweils Obst. Schon am Samstag schimpfte er über das Essen.
»Das ist ja total ungrün. Und genauso schmeckt es auch.«
Am Sonntag drohte er: »Noch einmal so ungrünes Essen, und ich fresse den Rasen im Garten.« Was er aber nie tat.
Karla schnaufte durch ihr großes Nasenloch, wenn er plärrte, behielt jedoch die Nerven. Nie änderte sich das Menü, werktags Nudeln mit Spinat, am Wochenende Schweinsbraten mit Knödel und Krautsalat. Einmal hatte sie versucht, ihn auch am Wochenende mit Spinat und Nudeln zu füttern, aber da hatte Alfons gemeint, dass ihm das zu langweilig sei. Trotzdem nörgelte und quengelte er wie ein Dreijähriger, wenn es Schweinsbraten gab.
Eines Freitagabends kam Alfons mit Werner, einem Arbeitskollegen, nach Hause. Alfons wollte Werner überzeugen, wie toll es sei, gefüttert zu werden. Er gab ihm ein Lätzchen und befahl Karla, sie beide zu füttern.
»Euch zwei gleichzeitig füttern?«, sagte Karla. »Den Teufel werde ich tun. Das steht nicht in meinem Vertrag.«
»Kannst du doch trotzdem tun. Mal was Neues.«
»Zu anstrengend. Da bekomme ich ja selbst Hunger.«
»Ich habe eine Idee«, sagte Werner, ein hochgewachsener hagerer Mann im Pullunder mit V-Ausschnitt. »Wir füttern uns gegenseitig.« Karla blickte überrascht zu ihm auf und stellte bei näherem Hinsehen fest, dass er drei Nasenlöcher hatte, die man wegen seines Schnauzbartes kaum sehen konnte.
»Ich füttere dich«, sagte Werner zu Karla. »Du fütterst deinen Hausherrn. Und Alfons füttert mich.«
»Bravo«, rief Alfons. »Und wir essen Spinat mit Nudeln. Karla, mach ihn so grün wie möglich.«
Karla seufzte und marschierte in die Küche. Als das Essen fertig war, setzten sie sich an den Tisch und fütterten sich gegenseitig. Das machte ihnen so viel Spaß, dass sie beschlossen, jeden Freitagabend gemeinsam zu essen.
Und seit sie dies taten, war Alfons am Wochenende viel genießbarer geworden. Beim Essen des Schweinsbraten kniff er Karla sogar in den Oberarm. »Alles was recht ist, so ein ungrünes Essen hat was.«
Höhepunkt der Woche war stets der Freitag.
Warum sie dabei so glücklich waren, darüber zerbrachen sie sich den Kopf, konnten es sich aber nicht erklären. Sie fragten Frau Unzeitig, die Nachbarin, die zwei Stockwerke höher wohnte und sich vormittags zwischen neun und halb zwölf mit Philosophie befasste. Die sagte, nachdem sie eine Weile überlegt hatte, wobei sie sich mit den Fingern auf die Stirn trommelte: »Ich weiß es! Bei euch herrscht ein Ausgleich zwischen Geben und Nehmen. Und keinem geht es besser oder schlechter.«
Verblüfft schauten sich Alfons, Werner und Karla an, und dann klatschten sie und riefen »Bravo«, so eine tolle Erklärung wäre ihnen nie eingefallen. Alfons hatte vermutet, grüner Spinat wirke umso stärker, je mehr Personen ihn äßen. Und Karla meinte, es läge an der Gleichberechtigung von Mann und Frau, die beim Freitagsmahl am Tisch herrsche. Werner dagegen behauptete, es liege daran, dass sie alle eine unterschiedliche Anzahl von Nasenlöchern hätten. Aber diese Vermutungen wurden schnell verworfen, nachdem sie die Erklärung von Frau Unzeitig gehört hatten.

Da ihnen nun klar war, warum sie so glücklich waren beim Sich-Gegenseitig-Füttern, gründeten sie einen Verein mit Namen ›Sich-Grün-Füttern‹. Dies war ein Verein zur Propagierung ausgeglichenen Essens. In München wurde sogar ein Restaurant namens ›Grüne Stube‹ eröffnet, in dem sich die Gäste gegenseitig fütterten.


© 2012 Rosemie Motiramani Impressum